Beim dritten Treffen der Tarifteams aus den Betrieben der Region Koblenz, dem südlichen Westerwald, dem Rhein-Lahn-Kreis, dem nördlichen Hunsrück, der östlichen Eifel sowie dem Raum Weißenthurm sprachen sich die Aktiven dafür aus, der großen Tarifkommission des IG Metall Bezirks Mitte zur Beschlussfassung eine Entgelterhöhung für 12 Monate mit nachhaltiger Wirkung, die die Inflation ausgleicht und einen echten Reallohnzuwachs für die Beschäftigten sicherstellt vorzuschlagen. Damit soll realer Kaufkraftzuwachs gewährleistet und die Leistungen der Beschäftigten angemessen anerkennt werden.
Gleichzeitig bekräftigten sie unter dem Motto „35-Stunden-Woche bleibt!“ ihre klare Ablehnung aller Forderungen nach einer Verlängerung der Arbeitszeit. Gut 3.500 Beschäftigte der Region hatten an der Tarifbefragung teilgenommen.
„Mit den Aktiven aus den Betrieben haben wir heute über die nun vorliegenden Ergebnisse der Tarifbefragung und die Stimmung in den Betrieben diskutiert“, erklärte Ali Yener, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Koblenz. „Trotz vieler Meldungen über die Krise der Industrie schätzen 68 Prozent der Beschäftigten in den Betrieben der Metall- und Elektroindustrie unserer Region die Situation ihres eigenen Betriebs als gut oder sogar sehr gut ein. Neben den Auswirkungen der Inflation beschäftigten die Beschäftigten insbesondere Fragen der Zukunftssicherheit der Betriebe und der Sicherung von Arbeitsplätzen. Auch politische Themen wie steigende Gesundheitskosten sowie Fragen der Rente und Altersvorsorge spielen für viele Beschäftigte eine wichtige Rolle. Mehr als die Hälfte der Befragten nannte zudem steigende Wohnkosten als bedeutendes Problem.“ Auch danach, welche Tendenz für die Entgeltforderung die Beschäftigten für angemessen halten, hatte die IG Metall
gefragt. „Die meisten Beschäftigten halten eine moderate bis kräftige Erhöhung für angemessen.“ so Ali Yener weiter. Die Tarifbefragung wurde von Juni bis Ende August 2026 in den Betrieben durchgeführt.
Vor diesem Hintergrund bewerten die Aktiven aus den Betrieben eine Entgelterhöhung für 12 Monate mit nachhaltiger Wirkung, die die Inflation ausgleicht und einen echten Reallohnzuwachs für die Beschäftigten sicherstellt als gerechtfertigt. Sie fordern die Tarifkommission des IG Metall Bezirks Mitte auf, eine entsprechende Forderung für die anstehenden Tarifverhandlungen zu beschließen.
Neben der Entgeltfrage stand auch das Thema Arbeitszeit im Mittelpunkt der Beratungen. Hintergrund sind Forderungen einzelner Arbeitgeber nach einer Verlängerung der tariflichen Arbeitszeit von 35 auf 40 Stunden ohne Lohnausgleich. Besonders aus Unternehmen der Automobilindustrie und ihrer Zulieferer, in denen gleichzeitig Personalabbau angekündigt wird, werden solche Vorschläge derzeit vorgebracht. „Einige Arbeitgeber, die Arbeitsplatzabbau ankündigen, fordern im Moment eine Erhöhung der Arbeitszeit. Wir fragen, was die Auswirkung davon sein soll: noch mehr Kündigungen? Das Gegenteil ist im Rahmen von Personalabbau richtig“, sagte Yener. „Eine Erhöhung der Arbeitszeit von 35 auf 40 Stunden entspricht rechnerisch einer Ausweitung des Arbeitsvolumens um mehr als 14 Prozent. Wo nicht ausreichend Arbeit vorhanden ist, würde das bedeuten, dass jeder siebte Arbeitsplatz wegfällt. Es ist völlig widersprüchlich, auf der einen Seite Stellen abzubauen und auf der anderen Seite von den verbleibenden Beschäftigten längere Arbeitszeiten zu verlangen. Gerade in Teilen der Automobilindustrie wird derzeit über Stellenabbau gesprochen. Wer in einer solchen Situation längere Arbeitszeiten fordert, verschärft die Beschäftigungsprobleme zusätzlich“, so Ali Yener. Statt Arbeitszeitverlängerungen fordern die Gewerkschafter Maßnahmen zur Sicherung von Beschäftigung. „Unsere alte gewerkschaftliche Forderung wäre in einer solchen Lage richtig: Nicht Menschen, sondern Stunden entlassen – Arbeitsplatzsicherung durch kollektive Arbeitszeitreduzierung“, erklärte Ali Yener. Die Tarifteams der IG Metall Koblenz sprechen sich deshalb entschieden gegen jede Verlängerung der Arbeitszeit aus und bekräftigen ihre Position: „Die 35-Stunden-Woche bleibt!“
Kritisch sehen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch die politischen Diskussionen um die Zukunft der Sozialsysteme Gesundheit, Pflege und Rente, insbesondere auch die Pläne zur Altersteilzeit. „Aktuell erleben wir, dass die Politik Instrumente wie die Altersteilzeit praktisch abschaffen will. Gerade in Betrieben, die derzeit vor strukturellen Veränderungen stehen, hat sich die Altersteilzeit als wichtiges Instrument bewährt, um Personalanpassungen sozialverträglich zu gestalten.
Sie hilft in vielen Betrieben, notwendige Anpassungen sozialverträglich zu gestalten, ältere Kolleginnen und Kollegen mit einer guten Perspektive in den Ruhestand zu begleiten und gleichzeitig junge Fachkräfte im Betrieb zu halten“, erklärt Ali Yener. „Wer Beschäftigung sichern und Fachkräfte halten will, darf bewährte Brücken zwischen den Generationen nicht einreißen, sondern muss sie stärken.“
Auch die weiteren Elemente der aktuellen Reformpläne der Bundesregierung für die sozialen Sicherungssysteme wurden auf dem Treffen diskutiert. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer unterstrichen die Bedeutung leistungsfähiger sozialer Sicherungssysteme für Beschäftigte und ihre Familien, insbesondere in einer Zeit industrieller Umbrüche. „Wir wollen keine Reformen verhindern“, betonte Ali Yener. „Es dürfen aber keine rein an Ausgabenkürzungen orientierten Reformen sein. Für eine starke Wirtschaft und um die Beschäftigten und Familien angesichts der aktuellen Krise in der Industrie nicht zusätzlich zu verunsichern, brauchen wir starke und effiziente soziale Sicherungssysteme. Reformen sollten das System stärken und effizienter machen. Durch eine solidarische Finanzierung der Systeme ist das möglich. Die IG Metall hat dafür Vorschläge vorgelegt.“
Gemeinsam mit den Schwestergewerkschaften im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) ruft die IG Metall Koblenz deshalb dazu auf, sich an der Demonstration für einen starken Sozialstaat am Samstag, 26. September 2026, in Frankfurt am Main zu beteiligen. „Es wird für uns in mehrerlei Hinsicht ein heißer Herbst“, erklärte Yener abschließend. „Die Bedingungen in den Betrieben, in Tarifverträgen und auch den Druck auf die Politik gestalten wir nur gemeinsam mit unserer Basis, den Mitgliedern in den Betrieben.“
Tarifbewegung 2026: Start der Verhandlungen im Oktober
Bundesweit richtete sich die Befragung der IG Metall an Beschäftigte in rund 3.200 Betrieben der Metall- und Elektroindustrie. Ziel ist es, ein klares Stimmungsbild zu erhalten und daraus die Forderungen für die anstehenden Tarifverhandlungen abzuleiten. Die Forderung wird im Laufe des Septembers beschlossen werden. Die Tarifverhandlungen für die bundesweit rund 3,8 Millionen Beschäftigten der Branche beginnen dann im Oktober 2026. In der Mittelgruppe (Rheinland-Pfalz, Hessen, Saarland) findet die erste Tarifverhandlung am 9. Oktober statt. Die aktuelle Friedenspflicht endet am 31. Oktober 2026, ab November sind Streiks möglich.
Hintergrund: Tarifteams
Die Tarifteams der IG Metall Koblenz setzen sich aus engagierten Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichen Betrieben der Metall- und Elektroindustrie sowie der Feinstblechpackungsindustrie der Region zusammen – darunter Betriebsräte, Vertrauensleute und aktive Mitglieder. Sie begleiten die Tarifbewegung vor Ort, diskutieren Forderungen, planen Aktionen und sorgen dafür, dass die Perspektiven aus den Betrieben direkt in die Tarifpolitik einfließen.